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Rückblick Themenabend 2019

Erfolgreiche Kinder: Wie kommt unser Nachwuchs stressfrei durch die Schulzeit?

Als Privatschule verzeichnet das Lernstudio jährlich eine grosse Nachfrage nach Vorbereitungskursen für das Gymnasium. Seine Schülerinnen und Schüler stehen der Herausforderung gegenüber, die hohen Erwartungen von Eltern, Schule und Gesellschaft zu erfüllen. Sie alle wollen, dass die Jugendlichen möglichst erfolgreich sind. Am liebsten mit einer akademischen Ausbildung, bei der – auf dem direkten Weg – ein Numerus clausus überwunden werden muss. Selektion über Leistung. Das müssen Kinder schon in jungen Jahren lernen – denn nur die Besten kommen weiter.

Das Lernstudio wollte wissen: Wie kommen Kinder trotz eines grossen Leistungsdrucks psychisch gesund durch diese anspruchsvolle Zeit? Welche Rolle nehmen hier Bildungsinstitutionen ein, welche Unterstützung können sie bieten? Auch vom «Burnout bei Kindern» ist immer öfter die Rede. Nur ein Mythos?

Macht Schule krank?

Einer, der täglich mit Jugendlichen arbeitet, denen der Druck zu gross geworden ist, ist Dr. med. Gregor Berger, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiter des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Zentralen Notfalldienstes des Kantons Zürich. In seinem Input-Referat zeigte sich der zweifache Vater besorgt über die jährlich hohen Raten an Jugendsuizidalität und -Depression. Kinder müssen heute mit einer Vielzahl an Erwartungen und Störfaktoren umgehen können, denen ihre Eltern in ihrer Jugend nicht ausgesetzt waren. Einerseits ergeben sich durch die Veränderungen unserer Zeit auch im schulischen Kontext immer mehr Ansprüche an die Jugendlichen. In wenigen Jahren muss heute immer mehr Wissen vermittelt werden, damit die Schülerinnen und Schüler einem bestimmten Anspruch genügen. Andererseits bergen die ständige Medienverfügbarkeit mit dem Smartphone, der Zugang zu Suchtsubstanzen (wozu auch der Medienkonsum zählt), aber auch veränderte Familienmodelle mit z.B. nur einem Elternteil, Gefahren für die Heranwachsenden. Kommt zu diesen Faktoren noch ein hoher und langanhaltender Leistungsdruck hinzu, ergeben sich für Kinder, die in dieser Belastungszeit nicht aufgefangen werden, kritische bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen. Oft werde auch zu lange gewartet, bis das Problem angegangen werde – aus Angst vor einer Stigmatisierung wegen psychischer Krankheit. Dabei könne das frühzeitige Reagieren schlimmes Leid verhindern, mit dem Jugendsuizide oder auch die Spätfolgen im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Entspannter Erziehungsstil macht lebenstüchtig

Wer sich für die Entwicklung von Kindern interessiert, kommt um Margrit Stamm nicht herum. Sie ist emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, Gründerin und Leiterin des Universitären Zentrums für frühkindliche Bildung Fribourg, mehrfache Buchautorin und hat selbst zwei erwachsene Kinder. In ihrem Referat zeigte sie nicht nur die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Druck und Erziehung auf, sie plädierte auch für einen entspannteren Erziehungsstil. Verunsicherte Kinder mit vollen Terminkalendern, gestresste Eltern, die nur alles richtig machen wollen und dabei trotzdem das Gefühl haben, dass irgendetwas falsch läuft: Bei der Erziehung und der Entwicklung ihrer Kinder stehen Väter und Mütter heute mächtig unter Druck - das führt zur Überforderung aller und selten zu wirklich glücklichen Kindern. Ein bewusstes Loslassen der Kinder – was nicht bedeutet, dass sie uns gleichgültig sein sollen – entlastet nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern.

Handout Prof. Dr. Margrit Stamm

Podiumsdiskussion

An der von Jenni Herren moderierten Podiumsdiskussion ergänzte Dr. Anna Spånning-Bänninger, Leiterin des Bereichs Kurse und Nachhilfe des Lernstudios, die zwei Referierenden. Als langjährige Bildungsexpertin, dreifache Mutter und mit ihrer umfassenden Auslandserfahrung, brachte sie eine weitere spannende Sicht ein. Laut Spånning gehe es nicht nur um einen erhöhten Leistungsdruck. Beispielsweise bei ausländischen Eltern, die das Schweizer Bildungssystem nicht gut oder gar nicht kennen, sei es oft die Annahme, dass nur der direkte Weg ans Gymnasium zu einer akademischen und damit vollwertigen Ausbildung führe. Das Schweizer Bildungssystem sei jedoch auf allen Ebenen durchlässig und das zu vermitteln, sei für sie wichtige Aufklärungsarbeit. Auch das Erwartungsmanagement ist ihr ein grosses Anliegen – nicht alle Kinder eignen sich für das Gymnasium. Die Kommunikation zwischen Lehrpersonen, Eltern und den Jugendlichen sei darum ein wichtiger Faktor, der nicht unberücksichtigt bleiben dürfe. Diskutiert wurde auch, ob es die Aufnahmeprüfung im Kanton Zürich überhaupt brauche. Ein Blick über die Kantonsgrenzen zeige, dass es weitaus stressfreier gehe. Es zeige sich, dass Kantone mit Aufnahmeverfahren tendenziell strengere Entscheidkriterien anwenden, als jene ohne. Ob der Kanton Zürich irgendwann vom Verfahren mit der Zentralen Aufnahmeprüfung abkommen werde, stehe in den Sternen. Solange daran festgehalten werde, sei es aber wichtig, den Jugendlichen Strategien zu vermitteln, wie sie einerseits ihr Potential voll entfalten können, andererseits ihre eigenen Grenzen besser einschätzen und damit umgehen können. Beispielsweise mit den richtigen Arbeits- und Lernstrategien.

Schule rockt

Als musikalisches Schmankerl des Themenabends sorgte die Zürcher Band Tim Freitag für gute Unterhaltung. Die fünfköpfige Formation ist selbst bildungserprobt, Mitglieder der Band sind Lehrpersonen, beschäftigen sich mit Bildungsthemen oder haben früher einmal selbst das Lernstudio besucht.

Das Lernstudio bedankt sich herzlich bei den beiden Referierenden Prof. Dr. Margrit Stamm und Dr. med. Gregor Berger für ihre anregenden und spannenden Beiträge, bei Jenni Herren für die professionelle und charmante Moderation, bei Tim Freitag für die musikalische Unterhaltung und bei den 100 Gästen für ihre geschätzte Teilnahme.

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