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Rückblick: Themenabend 2017

«Digitale Transformation in der Bildung»

Unsere Kinder – die Digital Natives. Doch genügen deren ICT-Kompetenzen wirklich für den künftigen Arbeitsmarkt? Wie muss der Unterricht aussehen, der Jugendliche digital fit macht? Darüber diskutierten am Lernstudio Themenabend 2017 die renommierten Professoren Juraj Hromkovič (ETH Zürich) und Alexander Repenning (FHNW) zusammen mit Ursina Pajarola, CEO und David Tassi, Schulleiter des Lernstudios Stüssistrasse am 28. September 2017 in Winterthur. Monika Schärer moderierte.

 

Kinder lieben lebendige Maschinen und Roboter aus Filmen wie Transformers, Iron Man oder Wall-E. Längst sind intelligente, interagierende Automaten wahrgewordene Realität. Die schnelle Auffassungsgabe von Kindern im Umgang mit Computern lässt viele Erwachsene staunen. Digital bestens ausgestatte Klassenzimmer sind keine Seltenheit. Neben den Fragen nach dem richtigen Umgang mit den digitalen Medien, zu dessen Konsum oder zum Schutz persönlicher und sensibler Daten, stellen sich Kindern jedoch noch weitere digitale Herausforderungen. Gemeint sind Informations- und Kommunikationstechnologien, kurz ICT. Für die künftige Arbeitsmarktfähigkeit der Jugendlichen werden die Fähigkeit, Programmiersprachen zu verstehen und zu benutzen immer wichtiger.

 

Das hat auch das Lernstudio erkannt und lud an seinem jährlich stattfindenden Themenabend zwei Koryphäen auf dem Gebiet des Programmieren-Lehrens aufs Podium:

Juraj Hromkovič ist Professor für theoretische Informatik und seit 2004 an der ETH Zürich für die Ausbildung von Informatiklehrern verantwortlich. Er ist Autor zahlreicher Monografien und wissenschaftlicher Veröffentlichungen im Bereich der Algorithmik, Komplexitätstheorie und Randomisierung. Zusammen mit seinen Studenten hat er mit dem Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht der ETH Zürich (ABZ) bereits 3000 Schulkinder der vierten bis siebten Klasse im Programmieren unterrichtet.

Alexander Repenning ist Leiter der Hasler Professur für Informatische Bildung an der PH FHNW. Er ist ausserdem Professor für Informatik an der University of Colorado, Gründer der Agentsheets Inc. und leitet die Scalable Game Design Initiative an der University of Colorado. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten informatische Bildung, programmierbare Endanwender-Objekte und künstliche Intelligenz. Er hat in Forschung und Entwicklung bei zahlreichen namhaften Unternehmen mitgearbeitet wie z.B. Asea Brown Boveri, Xerox PARC, Apple Computer und Hewlett Packard.

Obschon die Begriffe ICT und IT mit High-Tech und Zukunftsszenarien verknüpft sind, führte Professor Juraj Hromkovič in seinem Input-Referat das Publikum in die Vergangenheit. In seiner Zeitreise ging es zu den Anfängen von Mathematik, Algorithmik und Sprache. Denn dort gründen die Anfänge der Informatik. Es sind diese Werkzeuge, die sich der Mensch zu eigen gemacht hat um dem in seiner Natur liegenden Drang nach Weiterentwicklung, nach mehr Effizienz, nachzukommen. Dabei behilflich waren dem Menschen schon immer seine Kreativität und Neugierde. Wurde ein Problem umfassend erkannt und gelöst, so wurden anschliessend Schemata (Algorithmen) entwickelt, die dann beliebig oft wiederholt werden konnten und so eine Automatisierung ermöglichten.

Einer ähnlichen Theorie folgend, zeigte Alexander Repenning, dass Kinder – allerdings nach dem Prinzip des Ausprobierens – spielerisch komplexe Aufgaben lösen und ohne Weiteres eigenständig Games designen und programmieren können. Mit seinem Scalable Game Design Studio will Repenning das «Computational Thinking» in der Schweiz vorantreiben. Gemeint ist damit, dass die individuelle Fähigkeit einer Person, eine Problemstellung zu identifizieren und abstrakt zu modellieren, sie dabei in Teilprobleme oder -schritte zu zerlegen, Lösungsstrategien zu entwerfen und auszuarbeiten und diese formalisiert so darzustellen, dass sie von einem Menschen oder auch einem Computer verstanden und ausgeführt werden können.

Und tatsächlich: Wo findet heute in unserem (Arbeits-)Alltag kein Austausch zwischen Mensch und Maschine statt? Doch auf dem Arbeitsmarkt herrscht ein akuter Fachkräftemangel. Studien, z.B. des Verbandes ICT Berufsbildung Schweiz, zeigen, dass ein Defizit von über 25‘000 gut geschulten und fähigen ICT-Spezialisten besteht. Die Schweiz braucht entsprechende Kompetenzen, um die Wissensgesellschaft zu entwickeln und die Vorteile von ICT vollumfänglich nutzen zu können. Der Vermittlung von ICT-Kompetenzen über das Bildungssystem und somit der Schulen kommt daher eine zentrale Bedeutung zu, denn die fortschreitende Digitalisierung transformiert den Kontext, in dem Lehren und Lernen stattfindet. Durch die orts- und zeitungebundene Verfügbarkeit von Wissen werden Lernprozesse neu ausgerichtet und die Rollen der Lehrenden und Lernenden verändert.

Aufgabe der Schule ist es, Kinder und Jugendliche auf lebenslanges Lernen, eine immer komplexer werdende Gesellschaft und eine Arbeitswelt in dauerndem Umbruch vorzubereiten. Eine der Herausforderungen besteht darin, der Schweizer Bevölkerung die Möglichkeit zu bieten, mittels ICT kompetent an politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Prozessen teilzunehmen sowie risikobewusst und eigenverantwortlich mit den Gefahren im Online-Bereich umgehen zu können. Die Rahmenbedingungen zur Steuerung und Organisation müssen darauf ausgerichtet sein, Potenziale auszuschöpfen und einen hohen Sicherheitsschutz zu gewährleisten. Damit diese Weiterentwicklung gelingen kann, ergeben sich für die Schulen neue Entwicklungsfelder.

 

Um Schulen zu mobilisieren verfolgen die beiden Professoren einen ähnlichen Ansatz und bieten mit ihren Institutionen entsprechende Unterstützung an. Und das ist nicht unwichtig, denn mit dem Lehrplan 21 wird das Fach «Medien und Informatik» ab dem Schuljahr 2018/2019 Pflicht für die Primarstufe, ab 2019/2020 auch für die Sekundarstufe.

 

Einen innovativen Schritt in der informatischen Bildung wagt seit wenigen Wochen die Pädagogische Hochschule FHNW an den Standorten Brugg, Liestal und Solothurn. Seit dem Herbstsemester 2017 ist das Fach Programmieren als Lernmethode für insgesamt 800 Studentinnen und Studenten obligatorisch im Grundstudium verankert. Eine Massnahme der Schweiz, die sowohl schweiz- als auch weltweit einzigartig ist und die künftigen Lehrpersonen mit dem Rüstzeug ausstatten soll, das die Klassenzimmer von morgen so dringend benötigen.

 

Um sich auf diese anstehenden Veränderungen optimal vorzubereiten, hat das Lernstudio im Sommer 2017 in einem Pilotprojekt im Lernstudio Winterthur das Programmieren-Lernen zusammen mit dem ABZ-Team von Juraj Hromkovič begonnen. In der Podiumsdiskussion begrüsste Ursina Pajarola, CEO des Lernstudios, diesen Wandel und fügte hinzu, dass es wichtig sei, dass sich das Lehrpersonal zwar umfassend auf diese Veränderung vorbereite, es aber auch wichtig sei, im Grundsatz zu verstehen, dass sich das Programmieren nicht als komplett neue Disziplin, sondern neben dem Rechnen, Lesen und Schreiben als weitere Grundkompetenz einreihen werde.

 

Auch David Tassi, Schulleiter des Lernstudios Stüssistrasse, zeigte sich in der Podiumsdiskussion offen und zuversichtlich für die voranstrebende Digitalisierung im Klassenzimmer. Gleichzeitig verwies er auf das etablierte Konzept des Lernstudios, das seine Schülerinnen und Schüler in ihrem Kreativitäts- und Innovationsgeist fördert sowie in ihrer Fähigkeit zum eigenständigen Lernen bestärkt und motiviert. Ein erfahrenes Team an Fachlehrpersonen betreut die Kinder individuell und kompetenzorientiert – nach dem Leitsatz «Stärken stärken, Schwächen schwächen».

Das Lernstudio bedankt sich herzlich bei den beiden Referenten Prof. Juraj Hromkovič und Prof. Alexander Repenning für ihre anregenden und spannenden Beiträge, bei Monika Schärer für die professionelle und charmante Moderation, bei der Stadtbibliothek Winterthur für die Gastgeberschaft sowie bei den über 60 Gästen für ihre geschätzte Teilnahme.


Der Lernstudio Themenabend widmet sich jedes Jahr einem neuen Fokusthema. Willkommen sind interessierte Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Fachpersonen aus dem Schul- und Bildungsbereich. Sie möchten keinen der Termine verpassen? Dann tragen Sie sich ganz einfach für unseren Newsletter ein und erhalten rechtzeitig aktuelle Informationen zu unseren Veranstaltungen.